For Anyone but not for Everyone – Demokratie ∞ verhandeln

Johanna Tinzl, For Anyone but not for Everyone, 2018

For Anyone but not for Everyone –
Demokratie ∞ verhandeln

Christine Eder und Philipp Haupt (Verteidigung Demokratie), Henrike Naumann, Csaba Nemes, Mario Pfeifer, Negin Rezaie, Johanna Tinzl*, Anna Witt

kuratiert von Ingeborg Erhart in Kooperation mit Maria Peters*

Die Idee der Demokratie ist die Idee der Freiheit als der politischen Selbstbestimmung. Es ist der tiefste Sinn des demokratischen Prinzips, dass das politische Subjekt die Freiheit nicht nur für sich selbst, sondern auch für die anderen will. Das Ich will die Freiheit auch für das Du, weil es das Du als wesensgleich empfindet. So muss die Idee der Gleichheit zur Freiheit hinzutreten, damit eine demokratische Gesellschaft zustande kommt.[1]

For Anyone but not for Everyone steht in pinken Lettern auf der Flagge aus ungebleichtem Leinenstoff, die in den vorderen Bereich des Kunstpavillons ragt. Die Fahne von Johanna Tinzl, die auch im Zentrum des in Innsbruck aufgenommenen Sujets der Einladungskarte und des Plakats zu der Ausstellung For Anyone but not for Everyone – Demokratie ∞ verhandeln steht, transportiert plakativ und zugleich subtil, aufmüpfig und fragil, die Frage nach den Ein- und Ausschlussmechanismen in unserer Gesellschaft. Meint für alle wirklich für jede_n?

Verunsicherung greift Platz, Veränderungen im Kommunikationsklima führen zu Destabilisierung. Warum machen wir die Schotten dicht? Buchstäblich im Errichten von neuen Grenzen, aber auch in unseren Köpfen. Führt die Globalisierung zum Wiedererstarken lokaler Nationalismen, zum „wir sind wir“, oder auf gut Tirolerisch (und auch Bayrisch) „mia sein mia“? Sind es die Verlierer_innen des Neoliberalismus oder schärfer Marktfundamentalismus, denen die „soziale Hängematte“ zum Verhängnis wurde, die nun einen anderen Sündenbock gefunden haben? Oder liegt es an fehlender Bildung und/oder Empathie? Politische Parteien nutzen diese Verunsicherung, geben den „starken Mann“ und schüren polternd Ängste vor dem Verlust des Wohlstands, der Heimat und Tradition.
In Zeiten, in denen der Österreichische Innenminister proklamiert, dass „das Recht der Politik zu folgen hat – und nicht die Politik dem Recht“, die Europäische Menschenrechtskonvention in Frage stellt und fortwährend die Pressefreiheit einschränken möchte, und in denen es möglich ist binnen 48 Stunden über Soziale Netzwerke die Massen zu mobilisieren, ist die Haltung, von der das Ausstellungsprojekt getragen wird, eine des Dialogs und der Offenheit.

Die Mehrkanalvideoinstallation Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen / Deutschland von Mario Pfeifer ist beispielgebend dafür. Neun Personen unterschiedlicher Herkunft – die Krippenerzieherin, die seinerzeit im Neuen Forum für eine bessere DDR kämpfte, der Pegida[2]-Anhänger, der Gewerkschafter oder die Lehrerin für Gemeinschaftskunde – bekommen Zeit zu sprechen. Im Gegensatz zu verkürzten Parolen und knackigen Tweets erklären die Menschen 546 Minuten lang konzentriert ihre politischen Einstellungen, wie es dazu gekommen ist und legen ihre Einschätzung der gesellschaftlichen Lage dar. Von Angesicht zu Angesicht steht ungekürzte Rede wider Agitation.

Henrike Naumann analysiert die gesellschaftlichen Veränderungen der 1990er im wiedervereinten Deutschland mit ihrer auf zwei Nachttischen mit alten Fernsehgeräten präsentierten Videoinstallation Triangular Stories, die sie als Art „Videotagebuch“ einer Gruppe renitenter Jugendlicher, die zwischen Couch und Disko ihre Langeweile kompensieren, anlegt. High von Drogen und dem Wunsch nach Sex geht schon mal der rechte Arm nach oben und es wird „Sieg Heil!“ gebrüllt. Die überfordernde Gegenwart und Perspektivlosigkeit verführen dazu an eine bessere Vergangenheit zu glauben. Retro-Mobiliar fungiert als Trigger für das Feeling der 90ies. In Wirklichkeit ist gar nichts happy und der Nährboden für rechtsextreme Gesinnung scheint erschreckend dünn zu sein. Triangular Stories stand 2012 am Beginn einer intensiven Auseinandersetzung mit der Post-Wende-Zeit, die Naumann bis heute betreibt. Im Film wird es einer der jungen Frauen dann angesichts einer aus Pistolen geformten Swastika zu viel. Sie schreit: „Mach die Kamera aus!“

Csaba Nemes‘ Arbeiten auf Papier, die Serien Occupy Monument und Testimony of Democracy, erzählen von konstruktivem Widerstand und einer Form des gemeinschaftlichen Aktivismus. Der Freiheitsplatz im Zentrum von Budapest nahe dem Parlament ist einer der prestigeträchtigsten Orte des kollektiven Gedächtnisses Ungarns. 2014 wurde dort ein Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung errichtet. Ein Deutschland symbolisierender Adler greift das „unschuldige“ Ungarn in Gestalt des Erzengels Gabriel an. Eine von Künstler_innen und (Kunst)Historiker_innen initiierte Gruppe errichtete daraufhin dort ein „Living Monument“, ein Gegen-Denkmal, einen Ort des Austauschs und der Diskussion – die weißen Stühle stehen sinnbildlich für diese Haltung –, und Menschen bringen persönliche Gegenstände, Fotos und Erinnerungen, um der Verluste während der Besatzung zu gedenken. Das Living Memorial (Ungarisch: Eleven Emlékmű) hat sich langsam zu etwas entwickelt, das über den Protest an einem historisch ungenauen bzw. eindimensional gedeuteten Denkmal hinausgeht. Die Verfechter_innen der freien Meinungsäußerung treffen sich bis heute dort, um zu diskutieren und gegen das repressive, nationalistische und rassistische Klima Stellung zu beziehen. Nemes’ Arbeiten, die wirken als seien sie aus der Zeit gefallen, honorieren die Resistenz der Aktivist_innen und machen deutlich, dass sie gekommen sind, um zu bleiben.

COMRADE CONRADE[3], Demokratie und Friedenauf der Straße war ein interdisziplinäres Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt, das sich im Gedenkjahr 2018 (100 Jahre Republik Österreich, 100 Jahre Frauenwahlrecht, 80 Jahre Anschluss an Nazideutschland) in Graz mit dem Zustand und der Zukunft von Demokratie und Frieden in gelebter Form beschäftigte und sich rund um die Conrad-von-Hötzendorf-Straße, benannt nach einem Kriegstreiber des Ersten Weltkriegs, anhand von Kunstprojekten im öffentlichen Raum sichtbar machte. Immer wieder die Waffen nieder war eine Intervention, die Johanna Tinzl auf dem nach Bertha von Suttner benannten Teil des Stadionplatzes, dem Vorplatz des Fußballstadions, auf das die Conrad-von-Hötzendorf-Straße zuläuft, realisierte. Tinzl verbindet den nationalistischen Fußball-„Schlachtruf“ mit dem Titel des bekannten Hauptwerks der Friedensnobelpreisträgerin „Die Waffen nieder!“. Die einzelnen Buchstaben sind in der Handschrift der Künstlerin auf 31 Fahnen gedruckt und in den Vereinsfarben Schwarz und Weiß von Sturm Graz gehalten. Neben dem Appell für Frieden weist Johanna Tinzl darauf hin, dass der Bertha-von-Suttner-Platz der 47. nach einer Frau benannte Platz bzw. Straßenzug von insgesamt 800 wäre, würde mehr als drei Jahre nach der Beschlussfassung ein Schild angebracht werden. Für die Ausstellung For Anyone but not for Everyone – Demokratie ∞ verhandeln wurde ein Foto der Installation auf vier 16-Bogen-Plakaten monumental ausgearbeitet. Auf den am Bertha-von-Suttner-Platz aufgestellten Werbeflächen wirbt ironischerweise das größte Handelsunternehmen Europas mit Sitz in Deutschland mit dem Slogan „Heimvorteil“.

Mit Grundfragen der Demokratie befasst sich Christine Eder in ihrem als „Politshow“ bezeichneten Theaterstück Verteidigung der Demokratie, das derzeit am Volkstheater in Wien zu sehen ist[4]. 1932 verfasste der Rechtswissenschaftler und Mitautor der österreichischen Verfassung Hans Kelsen (1881 – 1973) das gleichnamige Essay Verteidigung der Demokratie. Sein Plädoyer für den Parlamentarismus und den zu erzielenden Kompromiss als Basis des demokratischen Miteinanders sowie das Insistieren auf Grundrechte und die Freiheit aller, sind angesichts jüngerer Entwicklungen, die Minderheitenschutz, Meinungsfreiheit und Sozialleistungen zugunsten von Macht- und Marktinteressen in Frage stellen und abbauen, wieder aktuell. Kelsens Abhandlungen zur Demokratietheorie liegen sowohl dem Bühnenstück als auch der gemeinsam mit Philipp Haupt für die Ausstellung For Anyone but not for Everyone – Demokratie ∞ verhandeln entwickelten Videoarbeit Verteidigung der Demokratie zugrunde. Ein Kind spricht den Text frontal, konzentriert und ernsthaft in die Kamera und macht so deutlich, welche Bedeutung Demokratie als politisches Prinzip hat, dass es um die Zukunft geht, dass Handlungsbedarf besteht, der nur im Miteinander und nicht im Gegeneinander liegen kann. „Demokratie funktioniert nicht, wenn zwischen Mehrheit und Minderheit kein Kompromiss möglich ist. Kompromiss bedeutet: Zurückstellen dessen, was die zu Verbindenden trennt, zugunsten dessen, was sie verbindet. Jeder Tausch, jeder Vertrag ist ein Kompromiss, denn Kompromiss bedeutet: sich vertragen.“[5]

Wie man sich (wieder) einander annähern kann, ist die zentrale Frage der „last-exit“ Performance #REZOLUTION von Negin Rezaie, die 2018 im Rahmen der Ausstellung Am Anfang war ich sehr verliebt… anlässlich 40 Jahre Frauenhäuser im Volkskundemuseum Wien aufgeführt wurde, und die als Video Teil der neuen Schausammlung Die Küsten Österreichs ist.
Eine Frau kehrt nach einer Gewalterfahrung ihr Innerstes nach außen. Fragen nach dem eigenen Wert und Verschulden, nach Vergebung, Sühne, danach, wie mit der gewaltvollen Vergangenheit umgegangen werden, wie wieder miteinander gesprochen werden könnte und wie die Gesellschaft darauf reagiert, drängen sich förmlich auf. #REZOLUTION erfährt nach den Ereignissen im Jänner 2019, als in Österreich in den ersten Wochen des Jahres fünf Frauen ermordet wurden traurige Aktualität. Liegt es an kulturellen Unterschieden und den differierenden Rollenbildern oder „im allgemein stärkeren Anpassungsdruck und in den zusehends unsicheren Lebensverhältnissen“[6]? Negin Rezaie hat für die Installation in der Ausstellung For Anyone but not for Everyone –Demokratie ∞ verhandeln ein Objekt aus Ton und roter Farbe geschaffen,das gemeinsam mit dem Dokumentationsvideo der Performance ein dichtes, vielleicht sogar beklemmendes Setting schafft, das die Suche nach der Identität, das Gefühl der Stigmatisierung und der Ausweglosigkeit erahnbar macht. Ein Gefühl des Nicht-Dazugehörens und des Nicht-Richtig-Seins, das auch Menschen kennen, die flüchten mussten. Das Trauma sitzt tief.

Anna Witt hat in einer als sozialer Brennpunkt gebrandmarkten Plattenbausiedlung einen besonderen Weg der Interaktion von Menschen, die sich unter „normalen“ Umständen nie ausgetauscht hätten, gefunden. Der mittels Ultraschallgerät aufgenommene Herzschlag von Bewohner_innen der Kölner Satellitenstadt Chorweiler wird von jugendlichen Streetdancern, die ebendort leben, interpretiert. Vergleichbar mit dem „Mersey Beat“, der in den 1950er Jahren in den strukturschwachen Vierteln Liverpools entwickelt wurde, etablieren die Tänzer ihren eigenen Stil. Aktive Jugendkultur widerspricht in Chorweiler Beat dem Ruf des Problemviertels. Auf den Herzschlag einer anderen Person hörend entwickelt jeder der jungen Männer individuelle Moves und Choreografien, die sich aufrichtig mit dem Gegenüber befassen. Es entstehen intime Momente mit Symbolkraft, die Coolness nicht vermissen lassen.

 

Ingeborg Erhart

 

 

*Mitglied der Tiroler Künstler*schaft

[1] Hans Kelsen, Verteidigung der Demokratie,Erstveröffentlichung 1932. Das Essay wird auszugsweise in der Videoarbeit Verteidigung der Demokratievon Christine Eder und Philipp Haupt, 2019, wiedergegeben.

[2]Pegida steht für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes und ist eine nationalkonservative und ausländerfeindliche Organisation, http://www.spiegel.de/thema/pegida/, 19.02.2019.

[3]https://comradeconrade.mur.at/, COMRADE verweist sowohl auf den militärischen Aspekt und steht auch für einen kollegialen, solidarischen Umgang miteinander. CONRADE weist als weiblicher Vorname auf das Fehlen so vieler Frauen innerhalb großer Geschichtsschreibungen hin.

[4]Vorstellungen am 21. März und am 18. April 2019

[5]Hans Kelsen, a.a.O.

[6]Das vermutet Volksanwältin Gertrude Brinek in dem Report Frauenmorde in Österreich: „Ich schlachte dich ab wie ein Schwein“,Christina Pausackl, profil 14.01.2019

 

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Kuratiert von:
Ingeborg Erhart in Kooperation mit Maria Peters