food track

Leopold Kessler

Leopold Kessler

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Leopold Kessler

Der in Wien lebende Künstler Leopold Kessler studierte Bildhauerei in München und Wien, wo er 2004 diplomierte. 2015 installierte der Künstler seine Kollektive Rüttelplatte auf der Mariahilferstraße in Wien. Passant_innen konnten sich auf einer Vibrationsplattform gemeinsam auf eine Wellenlänge rütteln lassen. Er beschäftigt sich mit psycho-sozialen Phänomenen, die im öffentlichen Raum eine politische Dimension annehmen. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen fließen oft in unangekündigte Interventionen ein oder manifestieren sich in subtilen Eingriffen. Es entstehen Objekte, Installationen, Montagen oder Videos.

Für seine neueste Arbeit food track, die für die Ausstellung in der Neuen Galerie entstanden ist, schleust sich Leopold Kessler mittels DIY-Outfit in das System der Fahrradboten ein, die mit sperrigen Kisten am Rücken und Smartphone in der Hand die Verteilung von Nahrungsmitteln gewährleisten.
Zum Stadtbild westlicher Großstädte gehören seit kurzem Fahrradboten in bunten Uniformen. Firmen wie „Foodora“, die mittlerweile an einen anderen Konzern verkauft wurde, bieten einen Zustellservice von Slowfood Restaurants zu Privatkunden an. Der Kunde wählt auf der Webseite das Restaurant, sowie die Speisen und bezahlt online, die gesamte Kommunikation und Bezahlung findet digital statt. Die Omnipräsenz der Boten wird als Anzeichen für die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in besser und schlechter Gestellte verstanden. Die prekären Arbeitsverhältnisse der Zusteller_innen sind nicht zuletzt durch ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit oft Diskussionsstoff in den Medien. Doch gerade wegen ihrer Alltäglichkeit und auch, weil mittlerweile kaum jemand ohne ihre Dienste auskommt, hat man sich an die bunten Dienstmänner und -frauen gewöhnt. Das ambivalente Gefühl des Bedient-Werdens wird durch die poppige corporate identity der Firmen überspielt. Die Arbeiten food track 1-3 dokumentieren und unterwandern sowohl den gewohnten Blick als auch das System selber.

Im Video food track 1 wird die zwischenmenschliche Interaktion zwischen Boten und Auftraggeber behandelt. Die Schnittstelle ist die Wohnungstür des Künstlers. Die Perspektive der Kamera, die im Stiegenhaus montiert ist, objektiviert den subjektiven Blickwinkel der Protagonist_innen. Verglichen mit der Sichtbarkeit im öffentlichen Raum findet der letzte Teil der Dienstleistung fast im Verborgenen statt. Im normalerweise unbeobachteten Warten des Boten vor der Tür kulminiert das Machtgefälle zwischen den Akteur_innen.

Food track 2 beginnt mit derselben Kameraeinstellung allerdings mit der umgekehrten Handlung: der Künstler verlässt die Wohnung (und seine privilegierte Position) nun selbst in der bekannten pinken Uniform. Die Kamera wird jetzt mobil, man begleitet den „Boten“ unmittelbar bei seinen Versuchen in der Welt der Zusteller Fuß zu fassen. Anfängliche Misserfolge werden von erfolgreicheren Aktionen abgelöst. Man bekommt ein Gefühl für die Hektik und den Stress unter dem die Beteiligten stehen. Alle funktionieren, gesteuert durch die unsichtbaren Anweisungen des Digitalen. Die analoge Kommunikation ist minimal. Nur so kann man sich erklären, wie es dem Künstler gelingt, mit einer pink umgefärbten Jacke und einer selbstgebastelten Kiste am Rücken gelegentlich die Nahrungs- und Befehlskette zu unterbrechen.

In der Arbeit food track 3 wird dafür nicht auf Täuschung gesetzt, sondern auf explizite Gewalt. Beim Überfall auf einen Fahrradboten wird nicht sein Geld (oder Fahrrad) entwendet, sondern der Inhalt seines Rucksacks. Die Pizza wird an Ort und Stelle gegessen, der leere Rucksack liegen gelassen.
In einer relativ ausgeglichenen Gesellschaft stellt die Aussicht auf eine Mahlzeit kaum einen Grund für Gewaltanwendung dar. Food track 3 thematisiert beginnende soziale Verwerfungen, indem ein dystopischer Endzustand antizipiert wird. Die stoische Reaktion der vorbeifahrenden Boten auf den herumliegenden Rucksack ihres vermeintlichen Kollegen gibt einen Vorgeschmack darauf, an was man sich alles gewöhnen kann.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist die Arbeit Rekonstruktion/Volkertplatz. Leopold Kessler rekonstruierte den fehlenden Teil eines Graffitis, das durch die Platzierung eines Geldautomaten zerstört wurde. Die Rekonstruktion lässt wiederum den Geldautomaten verschwinden. Das Video zeigt die 2018 stattgefundene, unangekündigte Intervention. Der rekonstruierte Teil wird als Objekt im Raum platziert.

Die Fotoserie Cities in the rain (are all the same) kombiniert zwei Ansichten von Städten bei Regen. In diesem Fall Chabarovsk, einer russischen Stadt am Amur an der Grenze zu China und Innsbruck. Trotz aller geografischen, klimatischen und wirtschaftlichen Unterschiede scheinen diese im Regen zu verschwimmen.
Das Foto ohne Titel hält einen Kesselwagen mit Coca-Cola Schriftzug vor einem Gemeindebau fest. Es bildet die profane Wirklichkeit der Logistik des Volksgetränkes ab, das im Kesselwagen nur als Sirup transportiert wird.

Außerdem zeigt Leopold Kessler das Video Gong. Es ist die Dokumentation seiner interaktiven Sound Installation Kooperativer Dreh-Gong, die noch bis April 2019 an der Praterhauptallee in Wien installiert ist. Durch das gemeinsame Bewegen eines Drehkreuzes wird ein überdimensionierter Metallarm angehoben, erreicht er den höchsten Punkt, fällt er und schlägt einen die gesamte Installation überdachenden Eisengong an. Das Videomaterial wurde mit einer Wildkamera über Wochen aufgenommen und vom Künstler geschnitten. Im Fokus steht die Dynamik zwischen Teilnehmenden und Zuschauer_innen.

In seinen Arbeiten untersucht Leopold Kessler ortsspezifische Bedeutungsebenen im urbanen Raum und fordert damit die Betrachter_innen heraus, die eigene Wahrnehmung und die Beziehung zur Umgebung in Frage zu stellen.

 

Ausstellungsbroschüre zum Herunterladen

 

 

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