Deep Relaxation

Annette Sonnewend

Ausstellungsansicht Foto: WEST. Fotostudio

„Wenn ich als Kind am Marterpfahl gefesselt war und auf meine Befreiung wartete und wartete, habe ich irgendwann begonnen, eine Rede vorzubereiten, die am Ende zu meiner Freiheit führen sollte. Eine Rede über Gerechtigkeit, warum Gewalt keine Lösung ist und über Gewinner_innen und Verlierer_innen. Vielleicht am Marterpfahl beginnt die Geschichte über mächtigen Ärger, über den Tomatenwurf im Jahr 1968 zum Beispiel. Was bedeutet es, denken, sprechen oder handeln zu können und doch als einzigen Ausweg ‚shavasana‘, die Totenstellung, zu finden? Tiefenentspannung – was könnte daraus entstehen?“ (Annette Sonnewend)

Die in Innsbruck geborene und in Berlin lebende Künstlerin, Kuratorin und Grafikdesignerin Annette Sonnewend verwebt in ihrer performativen Rauminstallation in der Neuen Galerie unterschiedliche narrative Momente und setzt diese in vielschichtige Beziehungen zueinander. Der Titel Deep Relaxation (Tiefenentspannung) verweist auf einen körperlichen Zustand, der für sie die Möglichkeit geistiger Durchlässigkeit und Offenheit und damit Raum für Gedankenexperimente eröffnet.

Ausgangspunkt für die Ausstellung ist ihr eigenes subjektives Archiv von Erinnerungen, Informationen und Wissen. Ihrer künstlerischen Praxis entsprechend wählt Sonnewend das Medium je nach Inhalt und verwendet dafür Techniken, die man auch aus der Musik kennt, wie etwa Mixen, Serialität oder Re-Repräsentation. Aus Gedanken über feministische Theorien, aus posthumanistischen Überlegungen, existentiellen Fragen, soziopolitischen Ideen und körperlichen Erfahrungen entstehen künstlerische Arbeiten, die gesampelt und auf unterschiedlichen Bühnen inszeniert werden. Der Galerieraum bildet dabei das Setting für die Rauminstallation mit Discoatmosphäre.

Annette Sonnewend lotet in ihrer Ausstellung unterschiedliche Themen aus, ohne dabei plakativ zu werden. Etwa in einer Aktion, dem Tomatenwurf von 1968, der den männerdominierten Sozialistischen Deutschen Studentenbund aufmischte und als Beginn der neuen Frauenbewegung gilt.[1] Als subtile Andeutung dieser feministischen Tat hat Sonnewend aus Stoff genähte Tomaten im Fenster der Galerie zum Gang arrangiert. Die performative Intervention zur Eröffnung der Ausstellung und zur Langen Nacht der Museen ermöglicht den Besucher_innen ein Re-enactment dieser Aktion. Als Sujet verwendet sie eine Interpretation der Zeichnung des vitruvianischen Mensch von Leonardo da Vinci[2], das auch den, im Sinne der posthumanistischen Theorie von Rosi Braidotti[3], humanistischen, männlichen, weißen, rationalen, selbstbewussten, eurozentrischen Mensch als Maß aller Dinge hinterfragt.

Durchaus politisch zu verstehen sind ebenfalls drei erst kürzlich entstandene Objekte an den Wänden. Es sind Darstellungen von Knochenteilen (Oberschenkel und Fußknochen), die Annette Sonnewend aus unterschiedlichen Materialien (etwa Yogamatten) angefertigt hat – Konstrukte mit Superhero-Namen wie „Superfemur“ und „Superphalanx“. Sie stehen symbolisch für eine perfekt funktionierende Gruppe, die aus unterschiedlichsten Materialien bestehen (Knochen, Knorpel, Gelenks Flüssigkeiten, verschiedene Gewebe). Diese Gruppen funktionieren miteinander und bilden gemeinsam zum Beispiel ein Gelenk oder ein Organsystem. Vernachlässigt man eine Komponente, wie zum Beispiel die Bänder oder das Gewebe, kommt es zu Schwierigkeiten im ganzen System.

Mit der Raumskulptur IT MATTERS WHAT STORIES TELL STORIES, einem Zitat von Donna Haraway[4], stellt Annette Sonnewend zur Diskussion, von welchen Geschichten wir ausgehen, um uns die Welt, die Systeme zu erklären. Was finden wir normal, welche Geschichten stützen sich, erhalten sich als System, fixieren sich gegenseitig, normalisieren sich? Wenn also der humanistische Mensch – männlich, weiß, rational, selbstbewusst, eurozentrisch – heute nicht mehr das Maß aller Dinge ist, wie Braidotti meint, sondern einem nomadischen, nicht-individuellen Subjekt Platz gemacht hat, wie verändert das die Erklärung der Systeme? Und würde ein Zustand der Tiefenentspannung es unseren Gedanken ermöglichen, durchlässig und konzentriert zu werden andere Perspektiven zulassen, etwa jenen von Tieren, Pflanzen oder Cyborgs? Und was könnte eine Gruppe aus diesen Denkübungen entstehen lassen?

Aus diesen Fragestellungen entstand die Idee, unterschiedliche Denkerinnen zusammenzubringen, die quasi gemeinsam darüber diskutieren. Die Künstlerin hat aus einem Pool couragierter und für sie interessanter Frauen der Geschichte eine erste Auswahl getroffen, die sie hier für ihre Soloausstellung in Innsbruck versammelt. Am Roundtable, als Synonym für Machtverhältnisse, ein Motiv das sie immer wieder in ihren künstlerischen Arbeiten verwendet, nehmen die aus Keramo-Plast gefertigten Figuren, Platz: Sylvia Pankhurst (1882 – 1960) – Frauenrechtlerin und Aktivistin der Suffragettenbewegung in England, Sozialistin und Schriftstellerin; Simone de Beauvoir (1908 – 1986) – Schriftstellerin, Philosophin und Feministin; Marina Abramović (geb.1946) – Performance-Künstlerin, Jesselyn Alicia Radack (geb. 1970) – Juristin, bekannt als Whistleblowerin; Theo Sowa (geb. 1957 ) – Schriftstellerin und Menschrechtsaktivistin.

Teil der Rauminstallation in der Neuen Galerie sind auch zwei Videos, Teil acht und neun, aus TRACING THE TRAIL, Annette Sonnewends persönlichen / subjektiven Archiv von Tanzchoreografien. Dieses Projekt fokussiert sich auf Choreografie als eine Form des Schreibens – ein Notieren von Erinnerungen, Wissen und Informationen. Ein erster Schritt zur Erstellung eines Archivs von Tanzszenen ist, in Zusammenarbeit mit Tänzer_innen, Bewegungen nachzuvollziehen, zu rekonstruieren und sie zu notieren. Ein wichtiger Aspekt für die Künstlerin ist dabei die eigene körperliche Erfahrung sowie der Prozess des gemeinsamen Erarbeitens der Choreografie. Ihr werden die Tanzschritte beigebracht, sie lernt sie zu verstehen, sodass sie am Ende gemeinsam mit den Tänzer_innen die Choreografie beherrscht. Es entstehen kurze Videos für das Archiv, die eine Interpretation des Tanzes mit dem Originalton des Films zeigen.

Im vorderen Raum der Neuen Galerie ist Teil acht des Archivs installiert, eine Szene aus Claire Denis Beau Travail (1999), dessen Choreographie auch als eine Art Befreiungstanz begriffen werden kann. Im hintersten Raum schließlich wird ein Tango aus dem Film Four Horsemen of the Apocalypse aus dem Jahr 1921 performt. Es ist ein früher Antikriegsfilm und einer der erfolgreichsten Stummfilme seiner Zeit. Beide Teile hat Annette Sonnewend vor einer Greenbox gedreht, um und ganz im Sinne eines posthumanistischen, nomadenhaften Subjekts, jederzeit anderswo verortet zu werden.

Annette Sonnwend gewährt den Besucher_innen in ihrer performative Rauminstallation Deep Relaxation einen Einblick in ihr persönliches Archiv und eröffnet vielschichtige Assoziationen, die auch als Gedankenanstoß zu verstehen sind.

[1]                      In ihrer Rede auf dem 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main hat die Filmstudentin Helke Sander darauf hingewiesen, dass Kindererziehung und Hausarbeit nicht Privatsache der Frauen sei. Das Private sei für sie politisch. Als das Redner_innenprogramm ohne weitere Diskussion fortgesetzt werden sollte, warf Sigrid Damm-Rüger Tomaten Richtung Redner_innenpult. Siehe dazu https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-ein-tomatenwurf-als-funke-im-pulverfass.871.de.html?dram:article_id=427706, abgerufen am 16.09.2019

[2]    Als vitruvianischer Mensch (lat. homo vitruvianus, auch: Vitruvianische Figur) wird eine Darstellung des Menschen nach den vom antiken Architekten und Ingenieur Vitruv(ius) formulierten und idealisierten Proportionen bezeichnet. Das berühmteste Beispiel ist eine 34,4 cm × 24,5 cm große Zeichnung von Leonardo da Vinci, die um 1490 entstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Vitruvianischer_Mensch, abgerufen am 16.09.2019

[3]                      Rosi Braidotti (* geb. 1954 in Latisana, Italien) ist eine zeitgenössische Philosophin und Theoretikerin.https://rosibraidotti.com/, abgerufen am 16.09.2019

[4]                      Donna Jeanne Haraway (* geb. 1944 in Denver, Colorado) ist eine Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin Vgl.:  https://de.wikipedia.org/wiki/Donna_Haraway, abgerufen am 16.09.2019

 

Woman Roundtable:

Marina Abramović: (geb.1946) ist eine Pionierin der Performance-Kunst.
Die aus Serbien stammende Abramović arbeitet in den Medien Malerei, Intervention und Sound, sie schuf Videoarbeiten, Installationen, Fotografien, Objekte, Soloperformances [..]. Seit den 1970er Jahren benutzt sie ihren Körper als Subjekt und als Medium in strapaziösen Langzeit-Performances, um physische, mentale und emotionale Grenzen zu testen – oft riskiert sie sogar ihr Leben auf der Suche nach erhöhtem Bewusstsein, Transzendenz und Selbstverwandlung. Im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis steht auch die Hinterfragung von Machtstrukturen und Hierarchien.
Vgl.: https://artinwords.de/marina-abramovic/, abgerufen am 16.09.2019

Simone de Beauvoir: (geb. 1908 in Paris – gest. 1986 in Paris) war eine französische Schriftstellerin und Philosophin. Sie gehörte zu den Begründerinnen der Philosophie des Existenzialismus und war eine enge Vertraute Jean-Paul Sartres. Ihr bekanntestes Werk „Das andere Geschlecht“, das Thesen zur Selbstverwirklichung der Frau historisch-sozial begründet und radikale gesellschaftliche Veränderungen fordert, ist ein Meilenstein der Frauenbewegung.
Vgl: https://www.hdg.de/lemo/biografie/simone-de-beauvoir.html, abgerufen am 16.09.2019

Sylvia Pankhurst, (geb. 1882 in Manchester, gestorben 1960 in Addis Abeba),  Frauenrechtlerin und Aktivistin der Suffragettenbewegung in England, Sozialistin und Schriftstellerin. Pankhurst Eltern gehörten der Independent Labour Party an. Durch ihren Vater, einen Rechtsanwalt, kommt Sylvia früh mit dem Elend der Slums in Manchester in Berührung. Diese Eindrücke prägen sie zutiefst. Dank eines Stipendiums kann sie Kunst studieren. Mit Mutter und Schwester engagiert sie sich in der 1903 in London gegründeten Women’s Social and Political Union (WSPU). Protestmärsche und Demonstrationen führen immer wieder zu Verhaftungen, Eindrücke, die sich in Beschreibungen des berüchtigten Frauengefängnisses Holloway in ihrem Buch The Suffragette Movement (1931) niederschlagen. […]
Als Mussolini 1935 in Äthiopien einmarschiert, unterstützt sie die Bevölkerung vor Ort. Sie widmet sich fortan der sozialen und politischen Arbeit in Äthiopien, schreibt über äthiopische Kunst und Kultur und gründet 1956 mit ihrem Sohn die Monatszeitschrift Ethiopia Observer, welche die gesellschaftliche Entwicklung Äthiopiens publizistisch begleitet.
Vgl: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sylvia-pankhurst/, abgerufen am 16.09.2019

Jesselyn Alicia Radack (geb. 1970 in Washington D.C.), nach einem Studium an der Brown University (Amerikanistik, Womens Studies, Politikwissenschaften) graduierte sie an der renommierten Yale Law School und arbeite anschließend im Justizministerium. 2002 wurde Radack zur Whistleblowerin, als sie der Presse Dokumente zuspielte, die ethische Verfehlungen im Umgang mit dem Talibankämpfer John Walker Lindh belegten. Dieser war nach seiner Festnahme ohne Rechtsbeistand verhört worden, entgegen der Empfehlung Radacks, die in mehreren E-Mails darauf hingewiesen hatte, dass eine solche Befragung nicht durch geltendes Recht legitimiert sei. Radack leidet seither unter Einschränkungen ihrer beruflichen Tätigkeit. Gegen sie lief ein Strafverfahren, das erst 2013 aufgehoben wurde.
Zitiert aus: Hg. Angela Richter, Supernerds. Gespräche mit Helden, Alexander Verlag Berlin, 2015, S. 59

Theo Sowa (geb. 1957 in Cape Coast in Ghana) ist Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist unabhängige Beraterin im Bereich internationaler Entwicklung mit besonderem Schwerpunkt auf Kinderrechte und –schutz. Außerdem ist sie Geschäftsführerin des African Women’s Development Fund (AWDF), einer Stiftung, die lokale, nationale und regionale Frauenorganisationen unterstützt, die sich für die Stärkung afrikanischer Frauen und die Förderung und Verwirklichung ihrer Rechte einsetzen.
Vgl.: https://africaphilanthropynetwork.org/our-board/ms-theo-sowa-board-member/, abgerufen am 16.09.2019

 

Lange Nacht der Museen am Samstag, 05. Oktober 2019 von 18.00 – 01.00
Dialogführung um 18.30, Performative Intervention ab 20.00

Premierentage 2019 am Samstag, 09. November 2019 ab 14.00 – 16.00

Dauer der Ausstellung:
19. September – 16. November 2019

Führungen an Samstagen um 11.00 und 14.00
Termine: 28.09. und 19.10.2019

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Mi-Fr 11.00 – 17.00
Sa 11.00 – 15.00