Une Autre Voix

Benny Nemerofsky Ramsay

Ausstellungsansicht. Foto: WEST.Fotostudio

Im „Kleinen Hofgarten“ ist eine Notfallsirene zu hören. Das Geräusch kommt aus einem vergoldeten Hornlautsprecher, der über dem Eingang des Kunstpavillons montiert ist. Im Näherkommen wird die menschliche Qualität der Sirene deutlich, was berührend und gleichzeitig unheimlich ist. Benny Nemerofsky Ramsay hat das Alarmsignal von einem Sopran der Wiener Sängerknaben einsingen lassen und der Soundinstallation den Titel The Return (dt. die Rückkehr, die Rückführung) gegeben. Womöglich schwingt in der Stimme des Jungen auch Sehnsucht mit. Oder wird die reine, glockenhelle Stimme nur so interpretiert, als Wunsch etwas in der Vergangenheit Verlorenes wiederzufinden, das zugleich auch beklemmend ist? Benny Nemerofsky Ramsay, der seit 1999 umfangreiche Werkkomplexe geschaffen hat, in denen die menschliche Stimme als künstlerisches Hauptmedium agiert, legt im Park eine akustische Sphäre, eine emotionale Landschaft an, die die BesucherInnen seiner Soloschau quasi als Intro durchschreiten.

Ein handgeschriebener Brief, ein Dankesschreiben an den spanischen Philosophen und Queer-Theoretiker Paul B. Preciado (geboren als Beatriz Preciado), steht am Beginn des Ausstellungsrundgangs. In dem Essay „Une autre voix“ (dt. Eine andere Stimme) beschreibt Preciado auf berührende Weise seine stimmliche Metamorphose durch die Einnahme von Testosteron. Benny Nemerofsky Ramsay bezeichnet es als Hommage an Preciado und seinen Text, dass er die Schau im Kunstpavillon danach benannt hat. Nachdem er keine Postadresse von dem Autor herausfinden konnte, schreibt er ihm digital, dass der Brief hier auf ihn wartet und er ihn von der Wand nehmen könne, so er nach Innsbruck käme. Eine Geste. Eine Geste, die gemeinsam mit einem mit Klebebuchstaben auf dem Boden im Eingangsbereich fixierten Zitat aus Preciados Essay die Grundstimmung von Une Autre Voix wie einen Teppich auslegt.

Der Künstler, der Fragen nach dem Geschlecht von Stimmen[2] und dem Raum zwischen männlich und weiblich, zwischen Kind- und Erwachsensein, zwischen Mensch, Tier und Maschine schon seit langem erforscht, und den weniger die Sprache und mehr die emotionale Qualität von Sound interessiert, beginnt das für die Ausstellung entwickelte neue Hörstück Noyades No. 1 mit dem Satz: „Ich denke über eine Stimme nach.“

Es ist die Stimme des Wassers, in dem gerade jemand ertrunken ist. Ausgangspunkt für die Überlegungen ist die wenig sympathische Figur des Wozzeck in Alban Bergs gleichnamiger Oper, die in einem Teich ertrinkt. Benny Nemerofsky Ramsay nähert sich der Geschichte auf poetische Weise. Er findet, dass Bergs Variante ein ganzes Orchester einzusetzen, um Wasser musikalisch darzustellen, einem Ozean angemessen ist, aber keinem stehendes Gewässer, wählt daher das Stück Syrinx[3] für eine Soloflöte von Claude Debussy und lässt die Blockflötistin Anna Fusek vor allem die Triller des Stücks einspielen. Triller werden meist, so auch bei Berg und Debussy, eingesetzt, um Stimmungen und Effekte zu erzeugen. In der Notenschrift werden Triller mit „tr“ und einer darauf folgenden mehr oder weniger langen Wellenlinie dargestellt. Wikipedia bezeichnet sie als „Verzierung in der Musik“[4], der Künstler als „wässriges Ornament“ und so inszeniert er sein Hörstück mit einem suggestiven Environment, das aus Zeichnungen auf Notenpapier, die auf Notenständern platziert sind, und aus Neoprenstoff ausgeschnittenen, von der Decke hängenden Trillern besteht, die nicht zufällig an Wellen oder wogendes Seegras erinnern. Die RezipientInnen bewegen sich mit Kopfhöreren in diesem assoziativen Ambiente. Als Erzähler wirft Benny Nemerofsky Ramsay Fragen auf, die er oft unbeantwortet im Raum stehen lässt und beendet das Stück mit einem tiefen Triller, der klingt als würde er aus dem Herzen des Teichs kommen.

Nicht um den Tod, sondern eine Art von Wiederkehr geht es in der Videoinstallation The Last Song. Hinter einem Paravent, vor dem der Darsteller im Film auch steht, wird man Zeuge/Zeugin einer Transformation. Die Stimme eines Baritons gerät in eine Krise und verwandelt sich in die eines Knabensoprans. Die Metamorphose der erwachsenen männlichen Stimme in die eines Kindes, die die Fantasie oder den Wunsch des Künstlers selbst impliziert einem früheren Selbst wiederbegegnen zu dürfen, macht deutlich wie grundlegend dieses Thema ist. Für Benny Nemerofsky Ramsay, der sich als Künstler, Briefe- und Tagebuchschreiber sowie Korrespondent bezeichnet, sind problematische, verletzte, fremde und unheimliche Stimmen auch persönlich konnotiert.

Im selben Raum wie The Last Song wird eine Liste mit 18 Namen von Künstlern und Künstlergruppen in silbernen Lettern an der Wand präsentiert. Es handelt sich um die Spiegelung der zweiten Außeninstallation Nightbird, einer Soundarbeit, die mittels einem, in einem Baum angebrachten, versilberten Megafon in den Park übertragen wird, in den Innenraum. An der wenig repräsentativen linken Seitenfassade des Kunstpavillons, also direkt hinter der Künstlerliste, reinterpretiert Benny Nemerofsky Ramsay das Soundstück Bird Calls (Dt.: Vogelrufe) von Louise Lawler, 1972, die damals die Namen der prominenteren und mehrbeachteten männlichen Künstlerkollegen als Vogelschreie parodierte. Er singt in seiner „Coverversion“ Nightbird die Namen von Künstlern, von denen er wünschte, dass sie seine Mentoren seien und die zum Teil an AIDS verstorben sind, als melancholische Vogelrufe. Was aussieht wie die Künstlerliste einer umfangreichen Gruppenausstellung, lässt einen Namen vermissen: Benny Nemerofsky Ramsay. Für ihn ist diese fiktive Gemeinschaft schwuler Künstler nicht greifbar und bleibt Wunschdenken.

 

Ingeborg Erhart

 

[1] Der Ausstellungstitel ist dem Titel eines Essays von Paul B. Preciado, der im Oktober 2015 in der französischen Tageszeitung „La Libération“ erschienen ist, gleich und als Hommage an den Text zu verstehen. http://www.liberation.fr/debats/2015/10/23/une-autre-voix_1408432, abgerufen am 13.10.2016

[2] Gender of voices (direkte Übersetzung I.E.)

[3] Syrinx ist eine Wassernymphe in der griechischen Mythologie

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Triller, 16.11.2016

 

Ausstellungsbroschüre zum Herunterladen

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