Lokalkolorit / Globalkolorit Solo-Werke und Koprodukte

Matthias Bernhard, Turi Werkner

MATTHIAS BERNHARD, BABY BLUE 2017. FOTO: WEST. FOTOSTUDIO

Matthias Bernhard & Turi Werkner

Lokalkolorit / Globalkolorit
Solo-Werke und Koprodukte

Matthias Bernhard und Turi Werkner

Ausstellungsdauer: 22.11.2019 – 01.02.2020

 

Die Maler Matthias Bernhard und Turi Werkner zeigen in der Ausstellung Lokalkolorit / Globalkolorit im Kunstpavillon erstmals Solo-Werke und Koprodukte in einer gemeinsamen Schau. Dass Farbe als Material für beide Künstler eine wichtige Rolle spielt, lässt sich am gewählten Titel schon erahnen. Kolorit kann rückwärts auch als „Tirol ok“ gelesen werden: reiner Zufall, meint Werkner, deutet möglicherweise auf ähnliche unbewusste künstlerische Strategien hin. Denn neben / trotz / wegen aller stilistischen, technischen und methodischen Unterschiede vereint sie das Interesse an den fruchtbaren Böden zwischen Nonchalance und Indifferenz, Idiotie und Genialität, Zufall und Absicht. Sie sind dem Plötzlichen ebenso zugewandt wie dem Dauerhaften, und Zeichnung ist oft der Ausgangspunkt ihrer  künstlerischen Produktion. Beiden erscheint der Unterschied zwischen Bild und Bild / Buch und Buch / Werk und Werk fallweise wichtiger als das einzelne Bild/Buch/Werk.

Nach einer ersten Begegnung bei einer Veranstaltung der Klasse von Gunter Damisch an der Akademie der Bildenden Künste in Wien 2011 sind Turi Werkner zwei überarbeitete Hefte von Matthias Bernhard aufgefallen. Aus dem Respekt gegenüber der künstlerischen Arbeit des jeweils anderen sind als Koprodukte unter dem Titel Betretene Projekte bisher 14 Unikatbücher – insgesamt ca. 750 Seiten – entstanden, die in zwei Vitrinen im linken Seitenflügel zu sehen sind. Die Bücher sind Beispiele dafür, dass sich Mentalitäts- und Altersunterschiede (MB geboren 1985, TW geboren 1948) positiv auswirken können. Beide Künstler schätzen die Qualitäten der Buchproduktion, wenn sie auch von unterschiedlichen Malmethoden geprägt sind. Für Turi Werkner erlaubt die Buchproduktion eine Arbeitsweise, die er als filmisches, literarisches, oder malerisches Variieren sieht wie bei einem Musikstück. So wird auf mehreren Seiten ein Thema extemporiert. Bei der eigenen Buchmalerei geht Werkner meist Seite für Seite vor, bei den Koprodukten ist dies (wegen der Eingriffe des Kollegen) weder immer möglich noch notwendig.Was Matthias Bernhard an Büchern reizt, ist, in einem vorgegebenen Raum verschiedene Bildmöglichkeiten auf kleinem Format nebeneinander zu setzen, bzw. durch die Seitenabfolge aneinanderzureihen und schneller springen zu können. Es ist aber für ihn dennoch ein zeitaufwändiger Akt die Seiten zu bemalen, er blättert vor und zurück, übermalt, lässt sie liegen. „Die Zusammenarbeit mit Turi Werkner,“ meint Bernhard, „erlaubt mir, mehr von meinen Gewohnheiten, meiner eigenen Arbeit Abstand zu nehmen und mich auch gleichzeitig anzunähern, mich mehr zu trauen (das ist vielleicht das Entscheidende) und dadurch gemeinsam mit Turi zu neuen überraschenden Dingen zu kommen.“

Die entstandenen Gemeinschaftsbücher zeigen auch, dass sie sich hin und wieder dem Drang nach maximaler Verdichtung und dem Spiel mit dem Unbewussten ausliefern. Neben unterschiedlichen Malmaterialien (Acryl, Acryllack, Aquarell, Collage, Bleistift, Dispersion, Farbstifte, Fußbodenlack, Gouache, Lack, Lackstift, Leim, Öl, Tinte, Tusche, Wachskreide etc.), ist Sprache ein wichtiges Element in den Büchern.

Zur Ausstellung erscheint als Sonderheft Die Vorhuld, die Vorhuld!, von Matthias Bernhard und Turi Werkner, 2018-19.

dem Medium fast ausschließlich zu verschreiben. „Die Unikatbücher sind meine Leidenschaft und meine Spezialität. Ich habe mehr als tausend davon gemacht und möchte eine ganze Bibliothek voll davon sehen. Es gibt da Bücher aller Art: kleinste Hefte (2 x 2 cm) bis zu den größten Alben mit 1,5 x 2 m, die dutzende Kilo wiegen; Bücher mit 480 Seiten und solche mit nur einer Seite; Bücher in Farbe und andere in Schwarzweiß. Die Arbeitszeit für ein Buch kann eine halbe Stunde bis zu achtzehn Jahren betragen. Ich behandle die unterschiedlichsten Motive wie künstliche Bärte, das Objekt A, Polypen, den Einfluss des Fernsehens, die Winkerkrabbe, Heraldik, usw. Ich benutze Wasserfarbe, Tusche und Tinte, Acrylfarben, Alkohol, allerlei Stifte, Lacke, Leim, Federn und Pinsel, Bürsten und Schwämme. Um die Seiten zu trocknen, benutze ich mehrere Inkubatoren und einen Windkanal.“1 Insgesamt sind mit 21. November 2019 1351 Bücher entstanden, die Werkner in vier Arten einteilt: Kunstbücher (1013 Stück), Tagebücher (186 Stück), Notizbücher (143 Stück) und Hauptbücher (9 Stück).Einen winzigen Ausschnitt aus der Gruppe jener Kunstbücher, die im weitesten Sinne das Thema „Kopf“ umkreisen, sind auf Pulten im Hauptraum des Kunstpavillons zu sehen. Insgesamt sind es hier 30 Bücher (Nummern zwischen 857 – 947) in der Größe 47 x 33 cm mit je 50 – 54 Doppelseiten, schwarz gebunden und 2015-2017 entstanden. Die diskrete Wucht von insgesamt 360qm2 Malerei, wie Turi Werkner meint, ist zu sehen. Jeweils auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels ist notiert, an welchen Tagen an dem Buch gearbeitet wurde, wie viele Seiten es enthält und ob eventuell eine oder mehrere Seiten entfernt wurden (Arbeitsstatistik). Beginnend mit Nummer 857 Wo der Kopf aufhört und die Frisur beginnt, 2015, endet die Auswahl mit Nummer 947 Aussehen und Anblick. Weitere Titel sind etwa: Strabismus, bzw. nimm die Nase aus dem Mund, 2017, Porträts als Konvergenzfiguren, 2017 oder Kropf oder Bart, 2017. Die oft pointierten und kommentierenden Titel werden meist während der Produktion des Buches festgelegt und fügen den Büchern eine literarische Ebene hinzu.

Auch Matthias Bernhards Bildtitel eröffnen weitere Assoziationsräume, die kommentierend, präzisierend oder relativierend sein können. Etwa bei seiner Arbeit URZUSTANDSBESCHREIBUNG – oder: Als die Erde noch rund war (pavianeser WUCHTKLUMPEN), eine insgesamt 12-teilige Arbeit auf Papier, die im Kunstpavillon als Block mit 3 x 3 = 9 Blättern im Eingangsbereich installiert ist und in unmittelbaren Dialog mit Werkners Bibliothek tritt. Die Zusammenfassung der einzelnen Blätter lässt, ähnlich wie in den Büchern, einen konzentrierten Blick zu. Eine weitere Analogie ist das Motiv von Köpfen im weitesten Sinne. Bei Bernhard sind es Köpfe, Gesichter, Augen, Geister und Kreaturen, die auf den einzelnen Feldern auszumachen sind.  Auf die im Atelier am Boden liegenden Blätter hat er versucht, ähnlich wie in der Archäologie, mögliche darunterliegende Schichten freizulegen.

Der Bildraum wird in einem körperlichen Akt vermessen, über die Fläche zu marschieren ist hier Teil seiner künstlerischen Praxis. Unterschiedliche Techniken, abhängig vom jeweiligen Trägermaterial, ermöglichen unterschiedliche Zugriffe und bestimmen letztendlich den Charakter der Bilder.

Bernhards Arbeiten entstehen in einem intuitiven Vorgang, den er als Verwandlungsprozess bezeichnet, und in dem er versucht, Erinnerungen, Empfindungen oder Erlebnisse greifbar zu machen, Unsichtbares sichtbar zu machen. (Dabei spielen auch klassische Themen wie Vergänglichkeit, Liebe, Angst, Sterben eine Rolle.) „Die Kunst macht sich selber (sichtbar), man muss nur den richtigen Zeitpunkt erwischen um sie hin und wieder ein- bzw. abzufangen”, meint er. Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor. Oft werden Bilder über mehrere Jahre bearbeitet und verdichtet, werden von anderen Bildern „kommentiert“ und „bringen sich gegenseitig weiter“, entstehen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Zugriffsmethoden. Erst wenn der Code, das eigene Zeichensystem, das Bernhard als ein Auffinden einer ursprünglichen Sprache oder eines narrativen oder grafischen Elements versteht, einen abgeschlossenen Raum bildet, ist das Bild fertig. Das im besten Fall überrascht und dennoch ein Rätsel bleibt.

Dem Großen Eulenheuler im linken Seitenflügel lag ursprünglich eine schon abgeschlossene, querformatige Kohlezeichnung zu Grunde, welche dann in weiteren Schichten Nass in Nass übermalt wurde. Malgrund und Kohlezeichnung scheinen teilweise durch und verbinden sich mit den interagierenden Farbflecken. Malen ist hier kein expressiver Akt, es geht vielmehr darum, hinter dem Bild zu „verschwinden“. Das Bild wird so selbst zur Person, zur Kreatur, zum Gegenstand, zum Bezeichnenden und tritt mit den zwei pastosen Gemälden im hinteren Raum in Dialog und „verschärft“ diese. Die Vermessung der Bildfläche bzw. der Bildaufbau erfolgt mit scheinbar figurativen Elementen, vergleichbar mit einer Art écriture automatique, die sich zwischen Linie, Biomorphik und Ornament bewegt. 2 Teilweise werden Ideen der Gruppe Cobra (Asger Jorn oder Pierre Alechinsky) mit impressionistischen Kürzeln verbunden, um gleichzeitig mit ihnen zu brechen und das Bild zu fassen.

Auch beim Gemälde Kleiner Blauer Delphin (Selbstporträt), im rechten Seitenflügel, lässt Bernhard grafische Elemente einfließen. Ausgehend von seinen Initialen hat er den Malraum in vielen Schichten verdichtet und ihn gleichzeitig mit Wasser ausgewaschen. Sind es „Begleitschutzgeister“ die auf dem transparenten Malgrund auszumachen sind?

Nicht nur die Materialität von Farbe und der Untergrund spielen bei Matthias Bernhard eine wichtige Rolle, sondern auch Malort und Umgebungslicht. Für die lange Wand im hinteren Raum des Kunstpavillons hat er ein Panorama geschaffen – Lutzenberger Panoramaschal mit Krake & Kaiserblick oder: DAS RÄTSEL DER BREZE (TW) & DAS GESTIRN DER BIRNE (OH WIE SCHÖN IST PANAMA). Entstanden am Lutzenberg in Kitzbühel (grenzt an ein Hochmoor), ist dieses 8,80 x 3,5 m große Bild im Freien auf einer Wiese liegend vor dem Panorama des Wilden Kaisers gemalt worden. Witterung, Umgebungsbilder, Vermessung und Annäherung mit dem eigenen Körper an die Stofflichkeit und das Bildformat sind wesentliche Parameter. Den Malradius hat er in für ihn ungewöhnlich kurzer Zeit (2 Monate) in etwa 20 Schichten ausgeweitet. Als unterste (nicht mehr sichtbare) Schicht sind farbfeldartige und kalligrafische Elemente auszumachen. Dadurch, dass die darüber liegende Ebene immer auf die darunterliegende reagiert und damit ein Zusammenspiel der verschiedenen Schichten erzeugt wird, kann man vielleicht von einer dem „Weben“ ähnlichen Technik sprechen. Analogien zur Jackson Pollocks frühen Versuchen des „Dripping“ aus den 1940er Jahren, wie etwa beim großformatigen Bild Mural (1943), ergeben sich, wenn auch bei Bernhard automatistische Malphasen mit kontrollierten abwechseln.

Die großformatige gerahmte Papierarbeit an der rechten Wand mit dem Titel Schuppi, ist im Frühsommer in einem hellen Atelier in Wien, im ehemaligen Gasthaus Schuppich entstanden und zeigt einmal mehr wie abhängig Bernhards Malakte vom Arbeitsort sind. Der Versuch, eine bestimmte Konsistenz von Farbe und Licht zu erreichen, und die Idee, das Papier in eine stoffartige Qualität zu verwandeln hat den Entstehungsprozess beeinflusst. Mit den bei Bernhard immer wieder auftauchenden „Augen“ und dem Eindruck, dass das Bild scheinbar von innen heraus leuchten muss, zeigt es seine Beeinflussung durch eine symbolistische Bildauffassung wie etwa bei Odilon Redon.

Beinahe als Kommentar zu Bernhards riesigem Panorama liegt davor auf einem Pult aufgeschlagen das großformatige Buch Die Absicht und ihre Rückseite (Nr. 880, 2016) von Turi Werkner. Mit Buchdeckeln aus Flugzeugsperrholz und Buchseiten aus Viskosefilz ist es (ca. 30 kg) wohl eines der schwersten Bücher in Werkners Bibliothek.

Dahinter hängen zwei Bilder von Matthias Bernhard – Mädchenauge und Baby, Baby – Balla Balla / Das Blau des Himmels / Als wäre es Liebe oder: WENN EINER EINE BLUME LIEBT und ums Eck Dark Sonority / Rudelgestrüpp. Ausgangspunkt ist wie bei vielen seiner Arbeiten die Tuschezeichnung. Dann wurde Farbe über mehrere Jahre in unterschiedlichen Schichten und Abläufen aufgetragen, die Oberfläche mit kleinen Fundstücken angereichert. Diese Bilder reflektieren Licht und Zeit und werden so zu Erinnerungsbrücken, Anrufungen, Trostspendern und Ladestationen, stellen malerische Fragen und reflektieren in Folge das Gemalte und dessen Gegenüber. Sie flirren und sind gleichzeitig wie in Stein gemeißelte Fundstücke.

Was bleibt übrig von der Produktion? Als Kommentar dazu kann jede/r eine Portion Kunstmüll von Turi Werkner zu zum Preis von 10.- Euro erwerben.

Die Gemeinsamkeiten, aber besonders auch die Unterschiede in den künstlerischen Strategien, sind gute Gründe dafür, die erste gemeinsame Ausstellung von Matthias Bernhard und Turi Werkner mit Solo-Werken und Koprodukten, in einen neuen Kontext zu setzen.

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1 Zitiert aus dem Katalog zur Ausstellung Livres Uniks, Topopgraphie de l’Art, Paris,kuratiert von Horst Haack, 2015.
2 Vgl. Text von Veit Loers zu Matthias Bernhards Arbei

Cornelia Reinisch-Hofmann

Samstag, 1. Februar 2020
Finissage von 11.00 – 15.00
Artist Talk mit Günther Moschig um 11.30 und Brunch

Dauer der Ausstellung: 22. November 2019 – 1. Februar 2020

Öffnungszeiten: Mi – Fr 11.00 – 18.00, Sa 11.00 – 15.00
Während der Weihnachtsferien von Fr, 27.12. – Sa, 28.12.2019 und
Do, 2.1. – Sa, 4.1.2020 von 11.00 – 15.00

 

Matthias Bernhard geboren 1985 in Kitzbühel. Studium an der Akademie der Bildenden Künste (Gunter Damisch). Lebt und arbeitet in Wien und Kitzbühel. Mitglied der Tiroler Künstler*schaft seit 2013.
https://www.kuenstlerschaft.at/member/bernhard-matthias/

Turi Werkner, 1948 in Innsbruck geboren. 1967 – 72 Studium an der Akademie der bildenden Künste, Wien, 1973 – 81 in London, lebt seit 1981 in Wien. Mitglied der Tiroler Künstler*schaft seit 1973.
http://www.werkner.at/

Lokalkolorit/Globalkolorit_Ausstellungsfolder

Besucher_innen-Information
Kunstpavillon

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A-6020 Innsbruck
+43 512 58 11 33
pavillon@kuenstlerschaft.at

Mi-Fr 11.00 – 18.00
Sa 11.00 – 15.00