re-FORM [again!]

Michaela Schwentner

ASSEMBLY, Videostill_2, Michaela Schwentner

Michaela Schwentner beschäftigt sich in ihren filmischen Arbeiten mit unterschiedlichen Bedeutungsräumen. Eine ihrer künstlerischen Strategien ist es, Vorhandenes oft auch die großen Erzählungen auseinanderzunehmen, aufzufalten, zu zerschneiden, zu reflektieren, zu brechen auch, um sie so zu hinterfragen und in poetische Figuren zu übersetzen, um so neue Denkräume zu öffnen. Assemblagen aus recherchiertem und fiktivem Material werden aktualisiert und rekontextualisiert und expandieren in weiterführenden Prozessen in den realen Raum.

re-FORM [again!] ist sowohl Film als auch Installation – der Titel ist bereits Regieanweisung. Das zum Einsatz kommende Text- und Bildmaterial verweist in seiner skizzierten Form auf das Abwesende und seine Affekte: auf Sehnsucht, Verlangen, Utopie, hier in Form von Überlegungen zur Entwicklung des Europa, das wir kennen, das sich in unser kulturelles und ökonomisches Bewusstsein eingeschrieben und es geprägt hat, und auf das wir uns immer noch beziehen. Die Versuchsanordnung besteht darin, die filmische Struktur zu negieren bzw. sie zu öffnen. Das Szenische folgt keiner bestimmten hierarchischen Anordnung: Kulisse, Szene, Chor, Aktion bedingen hier nicht einander, sie sind gleichberechtigt installiert.
Die in der modellhaften Inszenierung einer Filmproduktion verwendeten filmhistorischen und filmtheoretischen Referenzen sowie das dabei entstandene Material dient als Ausgangspunkt für ihre essayistische und dennoch poetische Bildsprache, die sie auf unterschiedlichen Bühnen im Galerieraum installiert. In die Dramaturgie verwebt Schwentner unterschiedliche Narrative, wie die großen Erzählungen, etwa die Dramen von Shakespeare und die politisch-kritischen Filme von Godard sowie soziopolitische Themen ein. Das Modell des Filmsets wird fragmentiert in den Raum eingeschrieben und ausgeweitet. Die einzelnen Elemente verweisen auf grundsätzliche Prinzipien der szenischen Produktion bzw. Adaption (Probe, Rezitation, Regie- und Handlungsanweisung, Refrain).
Möglichkeitsformen öffnen so den Raum für unterschiedliche Reflexionen auf verschiedenen Ebenen. Um im letzten Raum in der Handlungsanweisung und Aufforderung zu re-FORM zu kulminieren.

Auftritt

appearance:
Everything depends on how you enter

Der Satz Everything depends on how you enter lässt an die individuelle Form des Auftritts, des Eintretens in einen Raum, des Betretens einer Bühne, des In-Erscheinung-Tretens denken. Michaela Schwentner verweist damit aber auch auf die Determiniertheit möglicher Lebensentwürfe generell und auf die aktuellen hegemonialen Verhältnisse in Europa.

Raum A:

stage:
Curtain
Einzelne in der Projektion des Modellfilms (in Raum B) zu sehende szenische Elemente werden in den Raum (A) übertragen: der Vorhang aus Shakespeares The Tempest (hinter dem sich die Gestrandeten Miranda und Ferdinand verbergen). Die Künstlerin verweist mit der Musterung auf die Commedia dell’arte – fahrende (Volks-) Theatergruppen, deren Vorstellungen oft der Zensur unterworfen oder ganz verboten waren. Und stellt damit aus der Geschichtlichkeit heraus den Bezug zur jüngsten politischen Vergangenheit Österreichs her, in der sowohl die verfassungsrechtlich verankerte Meinungsfreiheit als auch die öffentlich-rechtliche Berichterstattung immer wieder Attacken vom rechten Lager ausgesetzt waren.

score:
Miranda, wondering
Als akustische Ebene taucht ein Flüstern hinter stage: Curtain auf: Miranda aus Shakespeares The Tempest singt flüsternd gegen die sich abzeichnende katastrophale Entwicklung in der europäischen Politik an. Ein Kommentar zu deren Versagen im Umgang mit Migration und Klimaschutz.
Mirandas in Worte gefasstes Staunen manifestiert sich in einem wiederholten Flüstern der folgenden Zeilen als Motiv der Hoffnung, der Utopie:
“O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beautious mankind is! O brave new world That has such people in’t!”
In 11 Takes werden diese Zeilen formal wie inhaltlich unterschiedlich interpretiert, in der instruierten Wiederholung verändert sich der Ton, das erfreute Staunen wird zu Kritik, Enttäuschung und schließlich zu Wut.
Wunder und sich wundern: wir als Teil der Gesellschaft haben Wissen und Fakten und wollen dennoch „Geschichten” von Wundern hören. Wir wollen überrascht werden. Das Wunder trägt utopisches Potential in sich: das unerreichbare Anderswo, wohin alle Projektionen, die Transformation zum Ziel haben, streben.

Raum B:

sequence:
reorient.manifest / a model for a film
Die in der modellhaften Inszenierung einer Filmproduktion verwendeten filmhistorischen und filmtheoretische Referenzen sowie das dabei entstandene Material dienen als Ausgangspunkt für Fragen zur Appropriation von Räumen, Rollen und Sichtweisen wie auch zu Produktion und Reproduktion. In reorient.manifest / model for a film werden Prinzipien der Inszenierung und Aspekte des Technischen aufgenommen und offengelegt und so der Blick auf Bildproduktion vor dem Hintergrund der sich immer schneller ablösenden neuen Formate und Schwierigkeiten kritischer individueller Urteilsbildung gelenkt. Was ist wahr? Die Rahmensetzung der Inszenierung – die Inszenierung selbst – ist zugleich Wahrheit und Manipulation.
Die Film-Miniatur ist das Modell zum Film, der in seiner finalen Form nie sichtbar wird: er bleibt einerseits Projektion, andererseits ist er Skizze der Kulissenkonstruktion, die anhand weniger Versatzstücke auf den Plot verweist: die Geschichte und Entwicklung Europas, inklusive Anweisungen zur Neu-Orientierung und deren Manifestation.
Im modellhaften Display des Filmes werden unterschiedliche Referenzpunkte in verdichteter und poetischer Form miteinander verschränkt: das Mittelmeer als Referenz an das Kulturerbe Europas (kultureller Raum, Wirtschaftsraum, Kriegsschauplatz, Migrationsweg, Konsequenzen kolonialer und postkolonialer Strategien, Unzulänglichkeit der sogenannten europäischen Wertegemeinschaft), der Sturm in Walter Benjamins Engel der Geschichte, Godards Le mépris (zunächst die Geschichte, die Liebe, das Staunen, dann die Prostitution, das Gewinndenken und schließlich die Enttäuschung, die Verachtung, die Trennung) und Shakespeares The Tempest, die weiße männliche Hegemonie im aktuellen politisch agierenden Europa (rechtskonservativ, neoliberal dominiert).
Shakespeares Grundmuster aller historischen Abläufe besteht aus dem Kreislauf von Machtgewinn und -verlust. Er zeigt, wie Michaela Schwentner meint, „in seinen Stücken das Bild der ewigen Geschichte und ihres unabänderlichen Mechanismus”. Schwentner bezieht sich in der Ausstellung im Speziell auf The Tempest, weil „Shakespeare die Grundstruktur aller möglichen historischen Abläufe oder Geschehnisse hier in modellhafter Verkürzung auf einer abstrakten Ebene darstellt und mit formelhafter Beständigkeit wiederholt. Ich möchte diese Prinzipien noch modellhafter machen und in einer skizzierten Anlage darstellen, die einzelne Ebenen und Bestandteile einer Produktion vermitteln will.“

script:
Chorus 1 + 2

Neben dem Modellfilm werden auch seine Bestandteile sichtbar gemacht: die projizierten Texte sind gleichermaßen Anweisung, Narration, Konstruktion, Poem, Bild, Song, Refrain. In scripts: Chorus 1 + 2 werden die Bedeutungsebenen von Regieanweisung, Dialog, Monolog und Refrain verschoben: das Script wird zum Bild. Die Chöre sind hier nicht Affirmation des Szenischen, sondern aktiv und reflexiv dialogführende Protagonist:innen-Kollektive.

Raum C:

staging:
ASSEMBLY

Anknüpfend an das im letzten Bild des Modellfilms vorkommende Protestschild wird im letzten Raum ein Aktionismus eingefordert. Das projizierte Video kann als Handlungsanweisung verstanden werden: einige Stühle in unterschiedlicher Ausführung = sie stehen für Publikum, Chor, für gesellschaftspolitische Kräfte, für die Gesellschaft generell = sind sowohl in der Videoarbeit zu sehen wie auch im Raum (C) verteilt.
Die Besucher:innen sind eingeladen, es den Performerinnen gleich zu tun und die Stühle neu oder anders zu arrangieren, bis für sie eine Art Equilibrium erreicht ist. Dieses Gleichgewicht ist einer ständigen Veränderung unterzogen. Wollen wir etwas ändern, so müssen wir selber agieren, partizipieren — die Videoprojektion ist Spiegel, Vorlage, Instruktion und Imperativ gleichermaßen: re-FORM [again!].

re-FORM [again!] – Ausstellungsfolder

Michaela Schwentner
geboren 1970 in Linz, lebt und arbeitet in Wien und Bern.
Schwentner arbeitet in den Bereichen Bewegtbild, Sound, Performance und Installation.

Ausstellungsbeteiligungen, Screenings, Performances und Residencies im In- und Ausland (Auswahl):
Centre Pompidou Paris, Manifesta 4 Frankfurt/Main, HKW Berlin, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, Edith-Russ-Haus für Medienkunst Oldenburg, ACF New York, Shedhalle Zürich, CCNOA Brüssel, Kiasma Helsinki, Museo Experimental El Eco Mexiko City, CCCB Barcelona, UCLA Los Angeles, Kunsthalle Exnergasse Wien, Kunsthalle Wien, Secession Wien, Künstlerhaus Wien, Grazer Kunstverein, Kunsthaus Graz, B3 Bienniale des bewegten Bildes Frankfurt/Main, Sundance Filmfestival, Kurzfilmtage Oberhausen, FIDMarseille, Diagonale Graz, Viennale, Int. Media Art Biennale Wroclaw, Transmediale Berlin, Edinburgh Int. Filmfestival, London Int. Filmfestival, Wien Modern, New York Underground Filmfestival, Independent Filmfestival Rotterdam, European Media Art Festival Osnabrück, Evolution Filmfestival Leeds, Cork Filmfest, Chicago Underground Filmfestival.

Residencies: subnetAIR Grant + Residency Salzburg, ORTung Hintersee, Embassy of Foreign Artists Genf, Pixel, Bytes & Film | Artist in Residence ORF III, Egon Schiele Centrum Czesky Krumlov, Gastatelier des Landes OÖ Paliano

Letzte Ausstellungs-/Projektbeteiligungen:
Video Kabuff: Installation im Rahmen der Raumintervention Kabuff von Manuel Gorkiewicz, Blickle Raum Spiegelgasse, Wien
Blickle Archive Series #39: Michaela Schwentner: Blickle Kino Wien, Belvedere 21
TRANSFORM She Said: Filmreihe im Rahmen der Ausstellung I Cannot Hide My Anger von Monica Bonvicini im Belvedere 21. Kuratiert von Claudia Slanar und Michaela Schwentner, Blickle Kino Wien, Belvedere 21

www.jade-enterprises.at

Besucher_innen-Information
Neue Galerie

Rennweg 1, Großes Tor Hofburg
A-6020 Innsbruck
+43 512 57 81 54
neuegalerie@kuenstlerschaft.at

Mi-Fr 11.00 – 17.00
Sa 11.00 – 15.00