Almost Blue

Maria Trabulo

Ausstellungsansicht. Foto: WEST.Fotostudio

Wie kann die Farbe des Meeres, basierend auf den Erfahrungen des Überquerens beschrieben werden? Wie die Farbe des Meeres ohne das Wort blau definieren? Die Ausstellung Almost Blue der portugiesischen Künstlerin Maria Trabulo (geb. 1989) reflektiert ihre zwei Jahre lang dauernde Recherche über kollektives Gedächtnis, Migration und Nomadismus an europäischen Orten am Meer. Das Meer ist dabei das Motiv um sich mit den Themen Kommunikation und Überquerung auseinander zu setzen. Die Ausstellung synthetisiert diese Eindrücke durch eine neue Serie aus Videos, Zeichnungen und Installationen. Einer dieser Orte befindet sich in Kalabrien, Italien, wo die Künstlerin im Herbst 2015 während der Flüchtlingskrise einer Gruppe von neu angekommenen jungen Männern begegnet ist. Einer dieser jungen Migranten erzählte ihr: „In Libyen ist das Meer schwarz, und in Italien ist es blau.“

 

Almost Blue
Text von Sofia Lemos

„Schwarz ist die Erweiterung des Bewusstseins in alle Richtungen“, so der Künstler, politische Aktivist, Dichter und Experimentalfilmpionier Aldo Tambellini. In einer Reihe politisch unterlegter Experimentalfilme, beginnend mit Black Is, abstrahierte er ab 1965 das Potential von Schwarz als Farbe und als Idee. „Für mich gibt es ein Verhältnis von Schwarz zu Licht, das nichts mit Weiß zu tun hat. Schwarz ist nicht das Gegenteil von Weiß, es ist das Gegenteil von Licht“, so der Künstler in einem Gespräch mit Ad Reinhardt im Jahr 1967. Reinhardt, dessen Black Paintings (1954-1967) weniger die Expressivität als vielmehr die Rationalität zelebrieren, merkte dazu an, dass Schwarz als „Nichtfarbe, als Absenz von Farbe“ eher in Bezug auf seine ästhetische Dimension als auf seinen Symbolwert betrachtet werden sollte.

Für lybische Flüchtlinge, die bei Nacht versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, ist Schwarz die Farbe des Meeres. Hier ist die ästhetische Dimension reduziert auf die Erinnerungen, die sie prägt. Reinhardts Argument sollte also wörtlich genommen werden. Auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in den USA war die Kritik an der „Nicht-Historizität“ der Farbe Schwarz ein wichtiges Thema im Kampf gegen die Aufrechterhaltung herrschender Hegemonien. Im Europa der Gegenwart steht Schwarz für die vielfältigen politischen Möglichkeiten, die durch die sozialen Umwälzungen der Jahre 2008 bis 2011 eröffnet wurden.[1] An diesem Wendepunkt ging Schwarz in Blau über, auch die Farbe der Traurigkeit.

„Blau ist Weite. Blau ist aktivistisch“, sagte einst der Filmemacher Derek Jarman; für Blau gebe es  „weder Grenzen noch Lösungen“. Für die portugiesische Künstlerin Maria Trabulo wird das Meer, durch das Fehlen fester Abgrenzungen, zum Sinnbild eines „Ortes der Ungreifbarkeit“. Yves Klein bezeichnete in einer Vorlesung, die er 1959 an der Sorbonne hielt, die Farbe Blau als „außerhalb aller Dimensionen“ liegend und fuhr fort: „Alle Farben lösen bestimmte Assoziationen aus, Assoziationen mit psychologisch konkreten oder fassbaren Ideen, während Blau höchstens mit dem Meer oder dem Himmel assoziiert wird – also den abstraktesten Aspekten in der fassbaren, sichtbaren Natur.“

In Zusammenarbeit mit einem Pigmenthersteller in Paris entwickelte Klein sein berühmtes Ultramarinblau, das er 1960 unter dem Namen „International Klein Blue“ oder „IKB“ patentieren ließ. Inspiriert von Klein schuf Jarman seinen Film Blue (1993), in dem genau dieses Ultramarinblau 75 Minuten lang auf die Leinwand projiziert wird, begleitet von einem Soundtrack tickender Uhren. In den Tiefen des Meeres formen sich unaufhörlich Muster aus dunkleren und helleren Blautönen. Blau steht für das Vergehen der Zeit, die flüchtige Bewegung der Wolken und rotierende Galaxien. Aus dieser Perspektive gemahnt das Blau an Geschichten von Sklavenhandel und rasanter Kolonialisierung und an die Last westlicher Gebräuche, Werte, Normen und Institutionen, spricht moderne Migrationsbewegungen an und aktuelle Diskurse über kosmopolitischen Humanitarismus. In seinen abstrakten farblichen Abstufungen treffen zerstörerische Wirtschaftskreisläufe und klimatische Turbulenzen aufeinander und spornen sich gegenseitig an.

Im Widerspruch zu Reinhardts Ansatz kann Farbe nicht getrennt betrachtet werden von Vernunft, Moderne, Freiheit, Gleichheit, Emanzipation, Technologie, Fortschritt, Gesetzen/Überlieferungen. Eine scheinbar postminimalistische Antwort auf Reinhardt lieferte Walid Raad mit seiner Serie Secrets in the open sea (1994/2004): Diese in unterschiedlichen Blautönen gehaltenen, monochromen pigmentierten Tintenstrahldrucke enthalten kaum erkennbare, ausgebleichte Schwarzweißbilder von Menschen, die für Gruppenfotos posieren. Laut Ausstellungsbeschreibung wurden diese blauen Drucke 1993 „beim Abriss der im Krieg stark beschädigten Geschäftsviertel Beiruts unter dem Schutt“ gefunden. Man vertraute sie der Atlas Group zur Konservierung und Analyse an, und im Zuge der Untersuchung wurden kleine, verborgene Schwarzweißbilder entdeckt, Gruppenporträts von Männern und Frauen, die „zwischen 1975 und 1991 im Mittelmeer ertranken oder tot aufgefunden wurden“. Hier ist das Meer nicht nur ein Ort, an dem sich großangelegte Narrative entfalten können, sondern bietet auch Platz für Kurzgeschichten, Anthologien und Kurzfassungen.

Secrets in the open sea wirft die Frage auf, wie verdrängte Bilder zu neuen Protokollen der Darstellung mobilisiert werden können – oder, anders ausgedrückt, wie man Geschichte gegen den Strich schreiben kann. Während der letzten drei Jahre hat Trabulo „Farbreporte“ aus unterschiedlichen Orten am Mittelmeer dokumentiert, mit Hilfe von Fischern und Immigranten, die aus Nordafrika nach Lampedusa, an die spanische Küste, nach Südfrankreich und nach Griechenland gekommen waren. Für die Publikation The walk is easy with the feet on the floor (2014) hat die Künstlerin zwanzig Bilder aus in Urlaubsorten am Mittelmeer platzierten Webcams zusammengestellt, die zu einer Zeit aufgenommen wurden, als „Flüchtling“ noch kein Schlagwort der internationalen Medienberichterstattung und noch kein heißes Thema bei EU-Gipfeltreffen und UN-Vollversammlungen war.

Im Jahr 2015 besuchte Trabulo Pizzo, eine kleine Region in Kalabrien. Dort traf sie Maristella, eine junge, polyglotte Sozialarbeiterin, die im Centro Speranza tätig war, einem Zentrum für Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, die aus verschiedenen Regionen Westafrikas und des Nahen Ostens nach Italien gekommen waren.  Da gesetzliche Beschränkungen es Trabulo nicht erlaubten, das Zentrum persönlich zu besuchen, begann sie mit einigen der Teenager und Sozialarbeiter_innen eine Online-Konversation, die von Maristella moderiert wurde. Trabulo, die sich nicht den Zwängen humanitärer Rhetorik unterwarf, erzählte von ihrer kurz zuvor unternommenen Bootsfahrt nach Stromboli, der berüchtigten Vulkaninsel, die auch in Roberto Rossellinis gleichnamigem Film aus dem Jahr 1950zentral ist. Sie beschrieb ihre Reise anhand der subtilen, scheinbar in einer zeitlichen Komposition angeordneten Farbveränderungen. Das war etwas, das die Teenager wiedererkannten, hatten sie selbst doch jede dieser Abstufungen durchquert, jeden dieser Farbtöne durchfahren. Den Satz eines ihrer jugendlichen Gesprächspartner: „In Libyen ist das Meer schwarz, in Italien ist es blau“, griff Trabulo für ihre weitere künstlerische Praxis auf.

Zu dieser Zeit war Trabulo Artist in Residence des Mele Cinema, eines alten Kinosaals, der auch im Film In Libya the Sea is Black and in Italy it is Blue (2015) zu sehen ist. Dieser jahrzehntelang für die Projektion von Fiktionen genutzte Raum war auf einer Klippe erbaut worden, also hoch oben über einem Raum, der seit Jahrhunderten als Projektionsfläche dient – dem Mittelmeer. Im folgenden Jahr arbeitete die Künstlerin mit einer Fischergemeinde im griechischen Heraklion zusammen, einer Stadt, die von der für Portugal und Griechenland so desaströsen Wirtschaftskrise 2008 schwer getroffen worden war. Für diese Menschen waren das Meer und der Boden unter ihren Füßen die einzigen noch verbliebenen Gewissheiten – bis Grund und Boden ebenso wie die Fabriken als Folge der Wirtschaftskrise privatisiert wurden und ihnen schließlich nichts mehr blieb als das Meer. In der mit Wine Dark Sea betitelten Serie von Bildern auf blauem Stoff (2016) hat die Künstlerin versucht, durch Eintauchen der Leinwände in Meerwasser Abstufungen der Farbe Blau aus der Stofflichkeit des Meeres zu gewinnen. Jedes Bild zeigt die unterschiedlichen Farben des Meeres, die die Fischer beschrieben hatten. Und doch ist das Ergebnis der Beschreibungen in keinem einzigen Fall gänzlich blau: Erinnerungen kommen und gehen wie die Wellen des Meeres. Die Serie von Bildern  (die in der Ausstellung Almost Blue gezeigten Bilder wurden eigens für die Präsentation in der Neuen Galerie geschaffen und adaptiert) wurden an Fahnenmasten neben leerstehenden Häusern in Heraklion hochgezogen, die von den Bewohner_innen im Zuge der Wirtschaftskrise verlassen worden waren. Die Fahnenstangen stammten noch aus der Zeit der griechischen Militärdiktatur, die von 1967 bis 1974 andauerte.

In September 2015 berichtete der Guardian über den Marsch hunderter Flüchtlinge von Ungarn nach Österreich. Viele dieser Flüchtlinge hatten das Mittelmeer überquert und wanderten nun wieder auf festem Boden. Auch für sie – wie für die Menschen, mit denen Trabulo in Griechenland gesprochen hatte – war das Meer  alles, was ihnen noch geblieben war, neben den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die schon so oft in der Geschichte den Anstoß für Auswanderungen oder Entdeckungsreisen über das Meer gegeben haben. Für Almost Blue (2017), die titelgebende Installation in der Ausstellung, werden 600 kg Meersalz auf dem Boden der Galerie verteilt, als fiktiver Versuch, das Meer an Land zu bringen. In Impossible Task (2017) verbindet die Künstlerin in einer poetischen Geste, die dieser Wanderung ins Ungewisse Halt geben soll, Salz, Sand und Beton zu einer sieben Quadratmeter großen Fläche, deren Musterung an die Parkettböden gutbürgerlicher Wiener Altbauhäuser gemahnt, als Weiterentwicklung der Ideen, die sie schon 2014 in The walk is easy with the feet on the floor ausgelotet hatte.

Ein weiteres in dieser Ausstellung präsentiertes Werk ist 1910 – 1933 – 1970 – 1990 (2017), das aus vier großformatigen, aus Seekarten zusammengestellten Collagen besteht. Fünf Jahre lang hat Trabulo Atlanten gesammelt, aus denen ersichtlich ist, wie sich die Grenzen der jeweiligen Hoheitsgebiete verändern. Auf den Karten werden die Meere und Ozeane in unterschiedlichen Blauschattierungen dargestellt, um die Staatsgrenzen zu veranschaulichen. Durch die Anordnung nach Farbtönen unterstreicht die Künstlerin die Zufälligkeit der Grenzziehungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder Migrationsbewegungen bestimmt haben. Quer über die Wand des ersten Ausstellungsraums verläuft 16 meters deep (2017), das die Fragmente eines Schiffstaus aus einem mit Meersalz hergestellten Gewebe nachbildet. Nur die zwei Enden und ein paar Knoten sind übrig, mit deren Hilfe die Breite der Wand definiert wird. Hinter diesen miteinander verwobenen Historien politischer Entwicklungen verbirgt sich eine Frage: Wie ist es möglich, sich wieder auf das Meer einzulassen und Positionen und maritime Narrative zu vermitteln, die jenseits der ökonomischen und geopolitischen Narrative der Geschichte liegen?

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben Denker wie Karl Marx, Walter Benjamin oder Michel Foucault eine vor allem landbasierte Geografie der Moderne skizziert. Diese einseitige Betonung der terra firma – des als eigenes Territorium wahrgenommenen Raums eines Nationalstaates, einer Stadt, einer Kolonie, des Zuhauses oder der Fabrik – bedingt die Dringlichkeit, heute das Meer aus einer anderen Perspektive zu betrachten, als Motor der Bewegung, und uns mit maritimen Epistemologien und maritimen Bildern und Vorstellungen auseinanderzusetzen.

 

— Sofia Lemos

 

 

[1] In The Idea of Communism (London: Verso, 2010) erklärten Costas Douzinas und Slavoj Žižek, dass „die lange Nacht der Linken […] jetzt zu Ende“ gehe, und argumentierten, dass der Arabische Frühling, die Proteste gegen die Sparpolitik in Europa und die Occupy-Bewegung Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ widerlegen würden, die den endgültigen Sieg des politischen Liberalismus über alle rivalisierenden Ideologien postuliert. Doch da der politische Konformismus mittlerweile den öffentlichen Bereich zurückerobert hat, scheint die Linke erneut im Dunkel der Nacht zu versinken.

 

 

 

Lange Nacht der Museen am Samstag, 07. Oktober 2017 von 18.00 – 01.00: Dialogführung um 19.00 und blaue Cocktails (auch alkoholfrei)

Künstleringespräch am Freitag, 10. November 2017 um 17.00 im Rahmen der Premierentage 2017 

       

 

 

Dank an:

  

 

Ausstellungsbroschüre zum Herunterladen:
Almost Blue_Maria Trabulo